Was ist Tantra? – Eine (unvollständige) Reise durch 1001 Definitionen

Die Yogis haben es leicht! Da gibt es klar abgegrenzte Richtungen, Lehren, Übungssequenzen und für jeden den passenden Guru. Die Anhänger der verschiedenen Richtungen koexistieren daher friedlich vor sich hin.

Das Dilemma des Tantra

Im Tantra heißt alles einfach nur Tantra und jeder muss sein eigener Guru werden – oder kann nur durch einen Guru die wahre Befreiung erlangen… Ähm… Genau…

Zudem battlen sich desöfteren Anhänger der verschiedenen Richtungen mit Sätzen wie: „Mein Tantra ist besser/echter/erleuchteter/… als deins!“ Ähm… Ja…

Außerdem ist Tantra wahlweise nicht echt, wenn es Geld kostet (auch da haben es die Yogis leichter, wenn sie Yogakurse anbieten) oder auf Kommerz angelegt (besonders Tantramassage, die nach oftmals vehement vertretener Ansicht, im Gegensatz zu anderen Massagen und Therapien, nichts kosten darf) und daher nur wertvoll und seriös, wenn es Geld kostet.

Für den Neueinsteiger kann das alles leicht verwirrend werden.

Mein Anliegen mit diesem Blog ist es, unter anderem, Tantra aus dem mentalen Rotlichtmilieu zu befreien und „ganz normalen Menschen“ zugänglich zu machen.

Deswegen möchte ich zu Anfang gern eine Reise durch den Jungle der Definitionsbemühungen mit euch unternehmen.

Es wird lustig und weniger trocken, als Definitionen sonst sind – versprochen! 🙂

Denn eines ist ganz klar und von allen Definitionanten gleichermaßen akzeptiert:

Tantra ist mehr als nur Sex mit Räucherstäbchen!

Eine erste grobe Unterteilung

Modernes Tantra

Tantramassage

Der Versuch, das Erleben von Effekten tantrischer Übungen (Einheitserfahrung, Verschmelzung, Kontakt mit dem Sein) in einer Massage erfahrbar zu machen.

Im Gegensatz zur Erotikmassage geht es hierbei nicht um Befriedigung im klassischen Sinne durch Entladungsorgasmen. Diese werden eher hinauagezögert, um die kraftvolle, sexuelle Lebensenergie ganzkörperlich spürbar zu machen (eigene Definition).

Neotantra

„(…)Das Neo-Tantra könnte man, um in unserer Sprache zu bleiben, als Update für unsere heutige Zeit ansehen. Es ist verwoben mit unserer modernen Wissenschaft und Psychologie und hat (je nach Institut und Ausrichtung) vor allen Dingen therapeuthische Bedeutung(…)“ (www.spiritual-tantra.de/curriculum)

Das allermeiste, was dir heute unter dem Begriff Tantra begegnet, fällt in diese Kategorie.  Auch Tantramassage.

Traditionelles Tantra

Buddhistisches Tantra: „Der Weg des buddhistischen Tantra ist durch lange Tradition zusammengefasst und kanonisiert worden. Es ist ein stufenweiser Weg voller Klarheit. Es geht um die Erkenntnis der Leerheit und gleichzeitigen Glückseligkeit, der uns allen innewohnenden Buddha-Natur, die uns nur verschleiert erscheint (…)“ (www.tantra.-tradition.de/11)

Vajrayana oder Diamantweg ist die Bezeichnung des Buddhistischen Tantra. Bekanntester Vertreter ist der Dalai Lama selbst. (Anmerkung von mir)

Hinduistisches Tantra: „Der traditionelle indisch-hinduistische Tantrismus geht auf die Tantras oder Agamas zurück. Das sind nach-verdische Schriften, die bis zum 6 Jahrhundert nach Christus zurückgehen. Oftmals ist hinduistisches Tantra mit dem Shaktismus, der Verehrung des Weiblichen gleichzusetzen. (…) „(http://www.herzrauschen.de/index.php/methoden/tantra/hinduistisches-tantra-methoden)

Hindu-Tantra umfasst die Geschichte von Shakti und Shiva, die Chakrenlehre, und die Verehrung von Yoni und Lingam (weibliches und männliches Sexualorgan) – diese Elemente fließen stark in das westlich moderne Neo-Tantra mit ein (Anmerkung von mir).

Jeder, der sich also mit CHAKREN befasst, nutzt ein aus der tantrischen Hindutradition stammendes Element – wer hätte das gedacht…?

Tantra-Yoga

Weißes Tantra: Umfasst nichtsexuelle Praktiken zur Reinigung des Astralkörpers und zur Erweckung der Kundalini ohne selbstsüchtige Motive und wird daher auch Kundalini-Yoga genannt. (…) (https://wiki.yoga-vidya.de/Tantra)

Rotes Tantra: Beschreibt ein Tantrayoga unter Einbeziehung sexueller Praktiken, wie dem Maithuna (Vereinigungsritual) zum Zwecke der Verschmelzung der dualen Aspekte männlich und weiblich, wobei festzuhalten ist, dass alle Menschen beide Aspekte in sich tragen!

Schwarzes Tantra: Beschreibt magische bis schwarzmagische tantrische Rituale und wird nicht öffentlich gelehrt.

(Je nach Enge der Definition kann schon das Nutzen sexueller Energie zum energetisieren eigener Wünsche in den Bereich schwarzes Tantra fallen – ich persönlich sehe schwarzes Tantra eher dann gegeben, wenn der Nutzen anderen Wesen gegenüber manipulativ bis schadhaft ist – vergleichbar z.B. eines Liebeszaubers bei Hexen.)

Meine eigene Definition

Ich bin selbst ziemlich klar im Neotantra zu Hause, wobei mich jedoch der ursprüngliche Hindu Buddhismus sehr reizt – irgendwann…

Wenn mich jemand fragt, was ist Tantra, antworte ich meist irgendwas in der Richtung:

Tantra ist der rebellische Gegenentwurf zur Erleuchtung durch Askese.

Du weißt ja, dass damals die Yogis die Welt der äußeren Formen, inklusive ihres eigenen Körpers, negierten, um Erleuchtung zu finden. In der Höhle leben, fasten, meditieren, Begehren hinter sich lassen.

Tantra ist die Rebellion gegen diesen Asketismus – quasi spirituelles Rock ’n‘ Roll!

Yeah! Irgendwie kein Wunder, dass ich hier gelandet bin… 🙂

Zudem verwende ich gern auch für mich diese Definition:

Tantra ist die Spiritualität der Sinne

oder hier nachzulesen im sinnlichen Manifest Teil 1:

Tantra ist die Kunst, sich in das Leben selbst zu verlieben

Also halten wir fest:

Tantra = sinnliches, verliebtes, rebellisches Rock’n’roll des Lebens!

Klingt sinnvoll!

Die schönsten Sätze aus verschiedenen Definitionen

Die hochverehrte Tantra-Ikone Margot Anand sagt in ihrem Buch: „The art of everyday ecstasy“ (Die Kunst der alltäglichen Ekstase) – an sich schon eine gute Definition für Tantra – folgendes:

„The tantric path teaches us to embrace and unify the ordinary, the erotic and the sacred dimensions of life, which all have their roots in Spirit“

Übersetzt ungefähr:

Der Tantrische Weg lehrt uns, die gewöhnliche, die erotische und die spirituelle Dimension des Lebens zu umarmen und eins werden zu lassen, die alle ihren Ursprung im Spirit (etwa: im Geistigen) haben.

Kann man so stehen lassen! Wundervoll gesagt von der guten Margot!

Surya Tantra

Der Sanskrit-Begriff Tantra bedeutet Gewebe/Zusammenhang, Erweiterung/Ausdehnung. Demzufolge werden im Tantra alle Phänomene der Welt als eine Einheit angesehen und nichts wird ausgegrenzt oder abgelehnt. Das Tantra sagt nicht: Ziehe Dich zurück von der Welt, um Dich selbst zu erkennen, sondern lebe mit diesem Körper, mit Deinen Sehnsüchten, allen Gefühlen und in allen Situationen, die das Leben Dir bietet, und Du wirst Dein wahres Selbst erfahren ( http://www.surya-tantra.de/surya-tantra/was-ist-tantra.html)

Sahaya Tantra

Das aus der indischen Gelehrtensprache Sanskrit stammende Wort besteht aus zwei Silben: „Tan“ (von „tanoti“ = ausdehnen) und „Tra“ (von „trayati“ = befreien). Man könnte „Tantra“ also übersetzen als „Befreiung durch Ausdehnung“. Aber was bedeutet denn nun konkret „Ausdehnung“? Nun, es bedeutet, dass ein Tantriker schrittweise seine Bewußtheit in jeden Aspekt seines Lebens ausdehnt. Ein Tantriker übt sich darin, Schritt für Schritt alles im Leben als etwas Heiliges zu betrachten. Nichts wird abgelehnt, alles wird mit einbezogen, so dass der Tantriker am Ende zu einer allumfassenden Liebe gelangt. (http://www.sahaja-tantra.de/was-ist-tantra.html)

Aruna Tantra

Die Realität der Welt, sagen tantrische Lehrer seit je her, muss in ihrer Gesamtheit berührt und sinnlich erfahren werden, um zu einer völligen Offenheit des Herzens zu gelangen. So sind für einen Schüler auf dem tantrischen Weg das Profane und das Spirituelle nicht getrennt: jede Erfahrung bietet für ihn die Chance aufzuwachen, solange er dabei aufmerksam und bewusst bleibt. Kein Aspekt menschlichen Erlebens, auch nicht die Sexualität, bleibt, wie bei anderen spirituellen Wegen, ausgegren. (http://www.aruna-tantra.de/was-ist-tantra)

Spiritual Tantra Lounge

Tantra ist Meditation. Tantra ist das Leben im Augenblick, dem So-Sein. Tantra strebt nach höchstem Bewusstsein und Bewusstsein = Meditation. (http://www.spiritual-tantra.de/curriculum – sehr empfehlenswert zum weiterlesen!)

Fazit

Ebenfalls mit einem Zitat möchte ich diese Reise vorerst abschließen:

Tantra als einheitlichen Begriff gibt es nicht

Das wäre so, als wenn man über das Auto sprechen würde. Es haben sich viele Richtungen und Schulen entwickelt, die unterschiedliche Ansätze haben. Man kann sich das vorstellen wie einen Baum, der sich in unzählige Äste bis zur Spitze ausbreitet. Dies alles an dieser Stelle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. (http://www.spiritual-tantra.de/curriculum)

Ich freue mich darauf, jede Menge eigene Definitionen von Tantra hier in den Kommentaren zu lesen! Los traut euch – ihr könnt nichts falsch machen. Habt ihr ja mittlerweile gemerkt 🙂

Tantra ist, was du bist!

DU bist Tantra!

Ich ❤ euch

Lucya

 

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